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Theory of Change: Ein Schlüssel zu wirkungsorientierten Museen

  • Sara Stocker Steinke
  • 6. März
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. März


Museen sind nicht nur Bewahrer von Kultur und Geschichte – sie sind aktive Akteure im gesellschaftlichen Wandel. Doch wie kann ein Museum sicherstellen, dass seine Programme und Ausstellungen tatsächlich Wirkung entfalten? Die Theory of Change (ToC) bietet eine strukturierte Methode, um gesellschaftliche Veränderungsprozesse gezielt zu planen, zu analysieren und zu erforschen.


Grafik einer Theory of Change mit der Unterteilung in Leistungen (Input, Aktivitäten, Output) und Wirkungen (Outcomes) für ein Impact-Ziel zur gesellschaftlichen Veränderung. Elipsen zeigen den Wirkungsgrad an: vom Museum zu den Besucher:innen, Communities und Organisationen bis zur Gesellschaft.
Modell einer Theory of Change in Anlehnung an Belcher, Davel & Claus (2020). © INKLUSEUM / Sara Stocker Steinke

Warum Wirkungsorientierung für Museen essenziell ist

Viele Museen setzen sich für Inklusion, Partizipation und soziale Nachhaltigkeit ein. Dennoch bleibt die Frage oft unbeantwortet: Welche gesellschaftliche Wirkung erzielt unser Museum tatsächlich? In der Praxis zeigt sich, dass Wirkungsorientierung zwar als wichtig erkannt wird, aber selten systematisch verankert ist. Häufige Herausforderungen sind:

  • Sie ist nicht Teil der strategischen Ausrichtung oder Betriebskultur.

  • Projektmanagement fokussiert auf Outputs (z. B. Viele Veranstaltungen durchführen), nicht auf Outcomes (z. B. gesellschaftliche Veränderungen).

  • Messbarkeit ist anspruchsvoll, weil Indikatoren und Evaluationsmethoden fehlen.


Um diese Hürden zu überwinden, braucht es eine klare Methodik, die Museen ermöglicht, ihre Ziele wirkungsorientiert zu definieren und die Umsetzung systematisch zu reflektieren. Hier kommt die Theory of Change ins Spiel.



Was ist die Theory of Change?

Die Theory of Change ist ein Planungs- und Analyseinstrument, das ursprünglich aus der Sozial- und Verhaltensforschung stammt. Sie wird in interdisziplinären Projekten eingesetzt, insbesondere in der Entwicklungszusammenarbeit und im Non-Profit-Sektor. Ihr Kernprinzip: Backward-Mapping – also eine rückwärtsgerichtete Planung.

Anstatt nur Aktivitäten zu definieren, beginnt die ToC mit der Frage: Welchen gesellschaftlichen Wandel wollen wir bewirken?


Grafik einer Theory of Change mit Input-Aktivitäten-Output-Outgomes und Impact: Mit rückwärtsorientierten Pfeilen und Indikatoren.
Theory of Change rückwärtsorientiert mit Indikatoren. © INKLUSEUM / Sara Stocker Steinke

Ausgehend von diesem Impact-Ziel wird Schritt für Schritt zurückverfolgt:


  1. Wirkungsziele (Outcomes): Welche Veränderungen wollen wir bei unseren Besucher:innen, Stakeholdern oder der Gesellschaft erreichen?

  2. Output: Wie kann dieser Wandel sichtbar gemacht werden?

  3. Indikatoren: Wie kann dieser Wandel messbar gemacht werden?

  4. Aktivitäten: Welche konkreten Maßnahmen tragen zu diesen Wirkungszielen bei?


Durch diesen Prozess stellt die ToC sicher, dass alle Maßnahmen auf die übergeordneten Ziele abgestimmt sind – und nicht umgekehrt. Gleichzeitig ist das Vorgehen ganzheitlich, da es nicht nur die Inhalte der Museumsarbeit betrifft, sondern auch die Art und Weise, wie Museumsteams kooperieren. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird gefördert, was zu agileren Formen der Zusammenarbeit führt. Deshalb ist die ToC nicht nur ein Strategieprozess, sondern auch ein Instrument der Organisationsentwicklung.



Anwendungsbeispiel: Eine fiktive Ausstellung über Sinti und Roma in der Schweiz

Gerade im Bereich der Inklusion eignet sich die ToC besonders, da sie sicherstellt, dass verschiedene Ansprechgruppen aktiv in den Prozess eingebunden werden. Ihre Stimmen werden gehört und fließen direkt in die Planung ein. Damit fördert die Methode nicht nur gesellschaftliche Relevanz, sondern auch eine nachhaltige partizipative Museumsarbeit. Folgendes Beispiel verdeutlicht dies. Ein Museum plant eine Ausstellung zur Kultur und Geschichte der Sinti und Roma in der Schweiz. Mit der Theory of Change könnte dieser Prozess so gestaltet werden:

Grafische Darstellung mit Übersicht über die abteilungsübergreifenden Zusammenhänge bei einem wirkungsorientierten Ausstellungsprojekt.
Beispiel mit Übersicht zur wirkungsorientierten Zusammenarbeit. © INKLUSEUM / Sara Stocker Steinke

  • Impact-Ziel: Die Gesellschaft fördert die Inklusion der Sinti und Roma in der Schweiz.

  • Wirkungsziel: Die Ausstellung trägt aktiv zum Abbau von Diskriminierung bei.

  • Output: Besucher*innen setzen sich kritisch mit Vorurteilen auseinander, Bildungsinstitutionen greifen die Inhalte auf, Medien berichten differenziert.

  • Indikatoren: Umfrageergebnisse bei Besucher*innen; Anzahl besuchte Schulworkshops, Anzahl längere Medienbeiträge.

  • Aktivitäten: Vertreter*innen der Sinti und Roma werden von Beginn an in die Konzeption einbezogen, Ausstellungstexte und Vermittlungsangebote werden diskriminierungskritisch überprüft, interaktive Formate fördern den Dialog.


Folgende Tabelle zeigt den Unterschied zwischen den begrifflichen Ebenen auf:

Ebene

Beispiel

Indikatoren zur Messung

Aktivität (Was tun wir?)

Vertreter*innen der Sinti und Roma werden aktiv in die Konzeption der Ausstellung eingebunden.

Anzahl der Treffen mit Vertreter*innen der Sinti und Roma. Anzahl der Vertreter*innen, die am Konzept mitgewirkt haben.

Output (Direktes Ergebnis der Aktivität)

Ein Kurator*innen-Team mit Mitgliedern der Sinti und Roma hat an der Ausstellung mitgewirkt.

Anteil der Kurator*innen im Team, die aus der Community stammen (z. B. mindestens 30 %).

Outcome (Wirkung/Ziel-erreichung)

Besucher*innen setzen sich mit der Geschichte und Diskriminierung von Sinti und Roma auseinander.

Vorher-Nachher-Umfragen zu Wissen und Einstellungen der Besucher*innen (z. B. 70 % der Befragten geben nach dem Besuch an, sich bewusster mit dem Thema Diskriminierung auseinanderzusetzen).


Internationale Beispiele: Wie Museen mit der ToC arbeiten

Mehrere Museen weltweit nutzen die Theory of Change als strategisches Instrument:


  • McCord Stewart Museum, Montreal: Entwickelte seinen Strategieplan 2022–2027 auf Basis der ToC, mit Fokus auf Dekolonisierung, Publikumseinbindung und Nachhaltigkeit.

  • British Museum Association: Startete die „Museums Change Lives“-Kampagne, um die gesellschaftliche Wirkung von Museen zu stärken.

  • Santa Cruz Museum of Art and History: Nutzt die ToC seit 2012 für Community-Building-Projekte und soziale Teilhabe. Der Strategieplan 2021-2026 baut darauf auf.



Warum Museen von der Theory of Change profitieren

Die ToC ist mehr als ein Projektplanungsinstrument – sie ist eine Haltung. Sie fördert:


  • Strategische Klarheit: Wirkungsorientierung wird Teil der Museumsstrategie.

  • Partizipation: Stakeholder und Ansprechgruppen werden aktiv in die Zieldefinition einbezogen.

  • Messbarkeit: Veränderungen werden nicht dem Zufall überlassen, sondern bewusst gestaltet.

  • Nachhaltigkeit: Projekte sind langfristig angelegt und gesellschaftlich relevant.

  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Die ToC erleichtert es, Museumsabteilungen zu vernetzen und Silo-Denken zu überwinden.



Was ist zu bedenken?

So vielversprechend die ToC als Methode auch ist, sie bringt Herausforderungen mit sich:


  • Zeitaufwand: Die Entwicklung einer Theory of Change für eine Strategie oder ein Projekt ist aufwendig. Workshops, Diskussionen und Validierungsprozesse erfordern Zeit.

  • Ressourcen: Eine fundierte ToC erfordert nicht nur Zeit, sondern auch personelle und finanzielle Ressourcen – gerade kleinere Museen könnten hier an ihre Grenzen stoßen.

  • Komplexität: Wirkungsorientierte Planung ist anspruchsvoll. Die Verbindung von Impact-Zielen mit konkreten Aktivitäten erfordert systematisches Denken und Erfahrung mit strategischer Planung.

  • (Zu) träge? Die detaillierte Planung kann dazu führen, dass Prozesse langwieriger werden und weniger Raum für spontane, innovative Ideen bleibt. Mit diesem Bewusstsein können dennoch schnelle Entscheidungen getroffen und Massnahmen auch kurzfristig umgesetzt werden.

  • (Zu) abstrakt? Manche Museumsmitarbeitende tun sich schwer, mit langfristigen Impact-Zielen zu arbeiten, da diese oft nicht unmittelbar greifbar sind. Bei zu wenig konsequenter Begleitung kann es passieren, dass die ToC zu visionär bleibt und nicht konkret genug für die tägliche Museumsarbeit wird.


Dennoch gilt: Mit einer gut angepassten ToC können Museen ihre gesellschaftliche Relevanz stärken, interne Prozesse verbessern und inklusivere, wirkungsvolle Projekte realisieren. Wichtig ist es, pragmatisch zu bleiben: Eine Theory of Change ist kein starres Modell, sondern ein lebendiges, flexibles Instrument, das regelmässig überprüft und angepasst werden sollte.


Gerade für Museen, die Inklusion und Vielfalt als zentrale Werte begreifen, kann die Theory of Change ein Gamechanger sein. Sie hilft, gesellschaftliche Verantwortung in der Museumsarbeit zu verankern und den Weg zu einer inklusiveren und gerechteren Kulturlandschaft aktiv mitzugestalten.



Literaturhinweis:


Brian M. Belcher, Rachel Davel, Rachel Claus (2020): A refined method for theory-based evaluation of the societal impacts of research, MethodsX, Volume 7,2020,100788,

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