Museen und Klassismus: Eine kritische Reflexion über soziale Ungleichheiten
- Sara Stocker Steinke
- 11. März
- 5 Min. Lesezeit
In Zürich gibt es keine Armut. Und in der Schweiz gibt es keine Klassen. Wirklich? Die Ausstellung, «Wirtschaft mit Armut. Kunst ist Klasse!» im Zürcher Helmhaus macht vom 24.01. bis 23.03.2025 Armut und Klasse durch künstlerische Arbeiten sichtbar und regt dabei zum Nachdenken über Privilegien und Machtverhältnisse in der Kunstproduktion an. Doch: Wie war das nochmals mit Bourdieu? Und was hat dies mit Museen zu tun? Der folgende Blog-Beitrag zeigt auf, wie Klassismus nach wie vor ein viel zu wenig beachtetes Thema ist, wenn es um die gesellschaftliche Relevanz der Museen geht.

Museen sind Orte der Kultur und Bildung, aber auch Räume der sozialen Distinktion. Sie bewahren das kulturelle Erbe und ermöglichen es Menschen, Kunst und Geschichte zu erleben und vielfältigen Themen auf den Grund zu gehen. Allerdings sind sie auch Schauplätze von Machtverhältnissen und sozialer Ungleichheit, die tief in den gesellschaftlichen Strukturen verankert sind. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu analysierte bereits in den 1960er Jahren die soziale Rolle von Museen und deckte auf, dass sie nicht für alle gleichermassen zugänglich sind (Bourdieu & Darbel, 2006). Daran hat sich bis heute nicht viel geändert wie aktuelle Studien zeigen.
Bourdieus Kapital- und Habitus-Theorie
Um die soziale Rolle von Museen zu verstehen, ist das Konzept des "Habitus" von Bourdieu zentral. Der Habitus ist das Ergebnis der Sozialisation und beeinflusst das Verhalten und die Wahrnehmung von Individuen. Diese soziale Prägung wird durch verschiedene Kapitalformen bestimmt:
Ökonomisches Kapital: Materieller Wohlstand und Besitz.
Kulturelles Kapital: Bildung, Wissen und kulturelle Praktiken.
Soziales Kapital: Netzwerke und Beziehungen.
Symbolisches Kapital: Anerkennung und Status
Diese Kapitalformen wirken zusammen und beeinflussen, wer Museen besucht und wer ihnen fern bleibt. Menschen mit hohem kulturellem Kapital, wie beispielsweise akademische Abschlüsse, fühlen sich in Museen oft sicher und kompetent, während andere Gruppen, die weniger mit Kunst und Kultur vertraut sind, eher eine "Selbstexklusion" erleben – sie nehmen an kulturellen Angeboten nicht teil, weil sie das Gefühl haben, nicht dazu zu gehören. Nach wie vor sind Ausstellungseröffnungen speziell in Kunstmuseen ein Schaulaufen der Lokalprominenz.

Museen als Orte der sozialen Ungleichheit
Bourdieu kritisierte, dass Museen die soziale Ungleichheit reproduzieren. Obwohl sie als öffentliche Einrichtungen theoretisch für alle zugänglich sind, besuchen überwiegend Menschen mit höherer Bildung und kulturellem Kapital diese Orte. Laut dem Bundesamt für Statistik frequentieren doppelt so viele Menschen mit einem tertiären Bildungsabschluss Museen wie solche mit nur obligatorischem Schulabschluss (Bundesamt für Statistik, 2021). Diese Ungleichheit ist nicht nur ein Zufall, sondern das Ergebnis tiefer gesellschaftlicher Strukturen, die durch den Habitus, das kulturelle Kapital und symbolische Gewalt aufrechterhalten werden. Ähnliche Zahlen liefert die Sentomus-Studie (2024), die erste umfassende Erhebung zur Publikumsbeteiligung in Museen im europäischen Raum.
Bourdieus Begriff der symbolischen Gewalt beschreibt die subtilen Mechanismen, durch die soziale Ungleichheiten legitimiert und reproduziert werden. In Museen zeigt sich diese Gewalt zum Beispiel durch unsichtbare Codes, die Besucher*innen verstehen müssen: Im Museum flüstert man, man darf nicht springen und berührt in der Regel keine Objekte. Auch viele Kernaufgaben entpuppen sich als exkludierend.
Elitäre Sprache und Fachjargon: Viele Museen verwenden eine komplexe, akademische Sprache, die Besucher*innen ohne entsprechendes kulturelles Kapital ausschliesst.– Beispiel: Wissenschaftlich formulierte Ausstellungstexte ohne verständliche Erklärungen für Laien.
Einseitige Kuratierung: Die Auswahl dessen, was ausgestellt wird (und was nicht), spiegelt dominante Geschichtsbilder und Machtverhältnisse wider.– Beispiel: Die Vernachlässigung von Perspektiven marginalisierter Gruppen, z. B. indigener Kulturen oder Frauen in der Kunstgeschichte.
Bauliche Hindernisse: Die Gestaltung von Museumsräumen kann bestimmte Gruppen bevorzugen oder ausschliessen.– Beispiel: Grosse Treppen ohne alternative barrierefreie Zugänge vermitteln unbewusst, für wen das Museum „gedacht“ ist.
Eurozentrische oder koloniale Perspektiven: Noch immer präsentieren viele Museen Exponate aus kolonialen Kontexten, ohne auf deren gewaltsame Aneignung einzugehen.– Beispiel: Ethnologische Museen, die aussereuropäische Kulturen als „exotisch“ darstellen, ohne ihre Selbstrepräsentation zu berücksichtigen.
Normative Vorstellungen von „Kultur“: Die Annahme, dass es eine universelle „Hochkultur“ gibt, die bestimmten sozialen Gruppen eher zugänglich ist.– Beispiel: Die Betonung klassischer Musik oder westlicher Kunst als „höherwertige“ Kulturformen gegenüber Popkultur oder traditioneller Volkskunst.
Soziale Exklusivität: Der implizite oder explizite Ausschluss bestimmter sozialer Gruppen durch hohe Eintrittspreise oder elitäre Veranstaltungen.– Beispiel: Vernissagen oder Freundeskreise, die hauptsächlich wohlhabende, akademisch gebildete Personen ansprechen.

Architektur als Mittel der Exklusion
Auch die Architektur von Museen trägt zur sozialen Exklusion bei. Viele Museumsgebäude sind Prestigebauten, die eine gesellschaftliche Macht und Bedeutung verkörpern. Die Erweiterungsbauten im Landesmuseum Zürich oder im Kunsthaus Zürich mit ihren monumentalen Treppen stehen gleichsam für die Erhabenheit der Kunst und Kultur und schaffen eher Distanz zum Publikum als eine Willkommenskultur.
Die spektakulären Musentempel können Besucher*innen einschüchtern und den Eindruck erwecken, dass Kultur nur für eine privilegierte Elite zugänglich ist. Um dies zu überwinden, sollten Museen ihre Räumlichkeiten so gestalten, dass sie einladender und zugänglicher für alle Bevölkerungsgruppen werden, z.B. in dem sie sich mehr als Dritte Orte im Sinne von Oldenburg zur Verfügung stellen. Dazu gehört auch, dass die Konsumationspreise im Museumscafé nicht nur für Gutbetuchte bezahlbar sind.
Wie Museen sozial gerechter werden können
Um dieser Exklusion entgegenzuwirken, sollten Museen ihre eigene Rolle kritisch reflektieren und sich fragen, wie sie soziale Ungleichheit möglicherweise fördern. Es gibt verschiedene Ansätze, um Museen inklusiver zu gestalten:
Kritische Reflexion der Repräsentation: Museen sollten ihre eigenen Praktiken hinterfragen und untersuchen, wie sie zur Aufrechterhaltung von Ungleichheiten beitragen. Dies betrifft sowohl die Repräsentation, z.B. in der Auswahl der ausgestellten Kunstschaffenden und Objekte sowie die Art und Weise, wie Ausstellungen gestaltet und präsentiert werden.
Inklusion durch Zugang und Teilhabe: Bestimmte soziale Gruppen haben aufgrund ihres Habitus und fehlenden kulturellen Kapitals einen eingeschränkten Zugang zu Museen. Museen müssen bewusst Massnahmen ergreifen, um diese Barrieren abzubauen, sei es durch Outreach-Programme, kostenlose Eintrittstage oder niederschwellige Begegnungsangebote.
Vielfalt der Perspektiven: Es ist wichtig, dass Museen die Vielfalt der Habitus-Formen anerkennen und sicherstellen, dass unterschiedliche Perspektiven in ihren Ausstellungen und Programmen repräsentiert sind. Dies kann durch partizipative Formate geschehen, bei denen verschiedene Gruppen aktiv an der Gestaltung von Ausstellungen beteiligt werden.
Empowerment und Partizipation: Indem Museen Besucher*innen aktiv in den Gestaltungsprozess einbeziehen, können sie den Habitus verändern und neue soziale Erfahrungen ermöglichen. So können Museen dazu beitragen, gesellschaftliche Ungleichheiten zu überwinden und Menschen zu ermutigen, sich die Räume des Museums kulturell anzueignen.
Fazit
Museen sind nicht nur Bildungsorte, sondern auch Stätten sozialer Macht und Ausgrenzung. Sie tragen die Verantwortung, den Zugang zu kulturellen Ressourcen für alle zu erleichtern. Durch die kritische Reflexion und Dekonstruktion bestehender Machtstrukturen können sie zur sozialen Gerechtigkeit beitragen. Die Herausforderung besteht darin, Museen zu inklusiven und partizipativen Räumen zu machen – erst dann entfalten sie ihre gesellschaftliche Bedeutung und fördern eine gerechtere Gesellschaft.
Literaturhinweise
Bourdieu, Pierre (1987). Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre (2016). Sozialer Raum und „Klassen“: zwei Vorlesungen: mit einer Bibliographie der Schriften Pierre Bourdieus von Yvette Delsaut (4. Auflage.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre & Darbel, Alain (2006). Die Liebe zur Kunst: europäische Kunstmuseen und ihre Besucher. Konstanz: UVK-Verl.-Ges.
Bundesamt für Statistik (2021). Kulturverhalten. Besuch von Kultureinrichtungen und -anlässen, nach soziodemografischen Merkmalen
Verfügbar unter: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kultur-medien-informationsgesellschaft-sport/kultur/kulturverhalten.assetdetail.17464015.html
Dangschat, Jens S. (2009). Symbolische Macht und Habitus des Ortes. Die ›Architektur der Gesellschaft‹ aus Sicht der Theorie(n) sozialer Ungleichheit von Pierre Bourdieu. In
Joachim Fischer & Heike Delitz (Hrsg.), Die Architektur der Gesellschaft (S. 311–342). Bielefeld: transcript Verlag. doi:10.1515/9783839411377-011
Mandel, Birgit (2024). Museen aus Sicht ihrer Besucher*innen - Ergebnisse für Deutschland aus einer europäischen Studie. KULTURELLE BILDUNG ONLINE. Verfügbar unter: https://kubi-online.de/artikel/museen-aus-sicht-ihrer-besucher-innen-ergebnisse-deutschland-aus-einer-europaeischen-studie
Rieger-Ladich, Markus (2018). Unter sich bleiben. Einrichtungen der kulturellen Bildung mit Pierre Bourdieu in den Blick nehmen. Zurücktreten bitte! : mehr kulturelle Teilhabe durch rationale Kulturvermittlung (S. 102–114). München: kopaed.
Schroer, Markus (2006). Raum, Macht und soziale Ungleichheit: Pierre Bourdieus Beitrag zu einer Soziologie des Raums. Leviathan, 34 (1), 105–123. Nomos Verlagsgesellschaft GmbH.
Sentomus (2024). First European Large-Scale Research on Audience Participation in museums. Report on European Data. Verfügbar unter: 1424c9_c8063540d336462089f568132f81290a.pdf